Forschung über nachhaltige Finanzmodelle

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Martin Schwarz

Die wiederkehrenden Finanzkrisen machen klar, dass das derzeitige globale Finanz- und Geldsystem instabil ist. Die Probleme mit dem derzeitigen Geldsystem zeigen sich in den Krisen und Spekulationsblasen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Nachdem das Verständnis dieser Probleme immer noch schwer zu wünschen übrig lässt, ist eine Erforschung der Grundlagen des Geldsystems dringend geboten.

Fairshare Finanzmodelle

Der Verein Fairshare wurde als Reaktion auf die Finanzkrise gegründet, die im Jahr 2007 begonnen hat und deren Auswirkungen noch keineswegs vorüber sind. Das Ziel des Vereins ist es, die Erforschung nachhaltigen Wirtschaftens voranzutreiben, Fairshare Finanzmodelle zu entwickeln und dafür Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten.

Fairshare Finanzmodelle werfen also unmittelbar die Frage auf, was Nachhaltigkeit denn eigentlich bedeutet? Ganz allgemein geht es darum, für Investitionen und wirtschaftliche Aktivität nicht ausschließlich die finanzielle Rendite für den Investor zu berücksichtigen.

Eigenschaften des Geldsystems für Nachhaltigkeit

Fairshare Finanzmodelle mit dem Ziel der Nachhaltigkeit mögen weit entfernt von Eigenschaften des Geldsystems scheinen. Es lässt sich aber zeigen, dass ein stabiles Geldsystem für nachhaltiges Wirtschaften zwar keineswegs hinreichend, aber auf jeden Fall eine Voraussetzung ist.

In der Erforschung von Nachhaltigkeit spielt die Überlegung eine zentrale Rolle, für negative Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivität den Verursachern einen Preis zu verrechnen. Damit erst kann ein Anreiz geschaffen werden, diese negativen Auswirkungen zu vermeiden.

Ein bekanntes Beispiel für solche Effekte ist der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen wie CO2 oder Methan. Derzeit wird den Verursachern über entsprechende Steuern nur ein minimaler Preis für diesen Ausstoß in Rechnung gestellt.

Die derzeitige Diskussion dreht sich hauptsächlich um die Frage, wie hoch dieser Preis in der Währung des derzeitigen Geldsystems sein soll. Damit stützt man sich aber auf die korrekte Funktionsfähigkeit dieses Geldsystems und diese ist keineswegs selbstverständlich. Ist das Zahlungsmittel nicht stabil, kann für einen Umweltschaden kein sinnvoller Preis festgelegt werden. Das Problem ist dann nicht eine fehlende Übereinkunft über diesen Preis, sondern das Fehlen eines zuverlässigen Maßes dafür.

Für Fairshare Finanzmodelle ist es also wesentlich, die Erforschung stabiler und zuverlässig verwendbarer Finanzmodelle voranzutreiben.

Probleme der heute verwendeten Finanzmodelle

In allen entwickelten Staaten wird heute sogenanntes Fiatgeld verwendet. Das bedeutet, dass das Zahlungsmittel nicht mit einem realen Wert hinterlegt ist. Diese Unterlegung des US-Dollars als Reservewährung der Welt mit Gold wurde im Jahr 1971 aufgegeben.

Seither werden der Dollar und alle anderen Währungen von Zentralbanken der jeweiligen Länder herausgegeben und zwar ohne eine Werthinterlegung berücksichtigen zu müssen. Damit ist eine Inflationierung in beliebiger Höhe möglich. Es ist seit der letzten Finanzkrise bereits Realität, dass Schulden von den Zentralbanken monetarisiert werden. Die Zentralbanken kaufen also Anleihen von Staaten mit neu geschaffene Zentralbankgeld auf.

Die Idee dahinter ist, mit diesem neu geschaffenen Geld die Wirtschaft in Gang zu bringen, um dann den Schuldenstand der Staaten wieder reduzieren zu können. Gleich wie man zu dieser Strategie stehen mag, es ist zu beobachten, dass sie immer stärker an Wirkung einbüßt. Man sieht an den Wirtschaftsdaten klar, dass neu gemachte Schulden die Wirtschaftsleistung eines Landes in immer geringerem Maß erhöhen.

Um Staaten eine immer höhere Verschuldung zu ermöglichen, wurde aufgrund der heute geltenden Finanzmodelle der Leitzins auf Null abgesenkt. In absehbarer Zeit ist es kaum vorstellbar, dass er wieder wesentlich angehoben werden könnte. In diesem Fall wären nämlich zahlreiche Schuldner, allen voran viele Staaten, sofort zahlungsunfähig.

Die Notenbanken wie die amerikanische Fed, die Bank of England und die Europäische Zentralbank sind an sich unabhängig, aber in der Praxis findet auch diese Unabhängigkeit ihre Grenzen. Mindestens die Entscheidungsträger werden nach wie vor von der Politik ernannt. Diese wiederum hat ein Interesse an der Monetarisierung der Staatschulden, da höhere Steuern und ein Spardruck als Alternativen kurzfristig wesentlich weniger populär wären.

Fairshare Finanzmodelle sollten aber gerade solche Abwägungen von kurz- und langfristigen Folgen sachlich abwägen. Eine sorgfältige und nachvollziehbar argumentierte Erforschung dieses Themas ist unverzichtbar.

Auswirkungen derzeitiger Finanzmodelle auf den Konsumenten

Auch die sehr starke Erhöhung der Geldmenge hat im letzten Jahrzehnt noch zu keiner starken Konsum Preisinflation geführt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sehr wohl zu für den Konsumenten spürbaren Auswirkungen gekommen ist.

Dazu gehört hohe Inflation der meisten Investitionsgüter, zu denen auch Immobilien gehören. Sind die Zinsen vernachlässigbar, ist das Eigentum an einer nutzbaren oder vermietbaren Immobilie wesentlich attraktiver als ein Geldbetrag auf einem Konto. Geldvermögen wurde also in den letzten Jahren in Immobilien umgeschichtet, auch als Spekulationsobjekt. Der daraus resultierende Preisanstieg ist wesentlich und schwappte natürlich auf die Konsumenten über, weil sich Wohnraum stark verteuert hat.

Kryptowährungen als Elemente neuer Finanzmodelle

Fairshare Finanzmodelle werden sich an Währungen orientieren müssen, die nicht von Zentralbanken herausgegeben und von ihnen kontrolliert werden. Derzeit sind Kryptowährungen in dieser Richtung das Only Game in Town. Manche sehen sie nur als Spekulationsobjekt, aber das ist zu kurz gegriffen.

Die technischen Voraussetzungen durch Erforschung der Grundlagen wurden während der letzten Jahrzehnte geschaffen. Der Start der ersten bekannten und dem Gesamtwert nach immer noch größten Kryptowährung Bitcoin erfolgte im Januar 2009.

Die Entwickler haben bis heute den Schatten der Anonymität nicht verlassen. Sie haben aber klargestellt, dass ihre neue Währung auch eine Reaktion auf die Finanzkrise und auf die Inflation der Zentralbank Währungen ist. Sie haben die Anzahl der möglichen Bitcoin Einheiten technisch auf 21 Millionen beschränkt. Damit ist Bitcoin ein Zahlungsmittel, das im Gegensatz zu Zentralbank Währungen nicht beliebig inflationiert werden kann.

Für Fairshare Finanzmodelle ist es jedenfalls von wesentlichem Interesse, dass Kryptowährungen nicht von den Launen der Politik und damit von kurzfristig populären Maßnahmen abhängig sind.

Herausforderungen im Bereich der Kryptowährungen

  • Schwankungen. Der Kurs von Bitcoin hat sich in einem Jahrzehnt von Null auf einen fünfstelligen Dollar Betrag erhöht. Das an sich ist bei einem neuen Zahlungsmittel weder überraschend noch problematisch. Der Kurs hat sich aber auch während dieser Zeit noch wenig stabilisiert. Das verursacht Probleme bei der Verwendung, kann sich aber auf verschiedene Weise lösen. Statt Kryptowährungen als Spekulationsobjekt zu sehen, könnte man diese auch als stabilen Anker betrachten und Zentralbank Währungen die Instabilität zu schreiben. Auch dieses Thema wird Gegenstand weiterer Erforschung sein.
  • Regulierung. Dass Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum, Polygon und Cardano nicht staatlich reguliert sind, ist für manche ein Bug, für andere ein Feature. Das notwendige Vertrauen in die technische Umsetzung ähnelt dem Vertrauen in den Realwert von Gold. Beides scheint verlässlicher als eine Zentralbank Währung, die in beliebiger Höhe gedruckt werden kann.
  • Technische Probleme. Bitcoin kann man durchaus als Proof-of-Concept sehen. Es hat bewiesen, dass Kryptowährungen funktionieren. Technische Einschränkungen verhindern aber, dass Bitcoin statt einem Spekulationsobjekt ein weitum verwendetes Zahlungsmittel wird. So kann das System beispielsweise nur höchstens sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten, während schon eine große Kreditkartenfirma tausende Transaktionen in einer Sekunde bewältigen kann. Dazu kommt noch ein Energieverbrauch, der kaum als nachhaltig angesehen werden kann.

Die Kryptowährungen der zweiten und dritten Generation haben genau diese Probleme im Blick und stellen den Anspruch, sie einer Lösung zuzuführen. Sie sollten also für Fairshare Finanzmodelle in Betracht gezogen werden.

Ethereum

Ethereum
Sie ist nach Bitcoin die zweitgrößte Kryptowährung und bietet eine Erweiterung durch sogenannte smart contracts an. Die Kryptowährung ist also gleichsam programmierbar und kann so Transaktionen automatisch und sicher ausführen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Auch diese Kryptowährung verwendet aber einen sogenannten Proof-of-Work Algorithmus, der sehr energieintensiv ist. Auch die Zahl der bewältigbaren Transaktionen pro Sekunde ist noch nicht für eine Verwendung im großen Stil ausreichend.

Polygon

Polygon
Polygon stützt sich auf Ethereum als Kern, bietet aber wesentliche Erweiterungen. Ähnlich wie Polkadot und einige andere Initiativen will Polygon die Möglichkeit bieten, verschiedene Blockchains miteinander zu verbinden. Neben dieser Verbindung können sich diese Blockchains in Polygon auf die Sicherheit von Ethereum abstützen.

Die neuen Blockchains lassen sich im Polygon System mit einem Klick generieren und sind beliebig skalierbar. Diese neuen Chains in Polygon tauschen nicht nur untereinander, sondern auch mit der zentralen Ethereum-Blockchain Daten aus.

Cardano

Cardano
Bei diesem System handelt es sich um eine Kryptowährung der dritten Generation. Die Entwickler haben es sich ausdrücklich zur Aufgabe gemacht, die Beschränkungen früherer Kryptowährungen zu überwinden und ein global skalierbares System für Finanzmodelle zu erschaffen. Sie geben auch zu, dass es sich dabei um eine enorme Herausforderung handelt, deren Bewältigung in vollem Umfang keineswegs gesichert ist. Dieses Problembewusstsein und die Ehrlichkeit sprechen allerdings für die Entwickler von Cardano.

Skalierbarkeit. Das System ist dafür konzipiert, sehr hohe Transaktionszahlen zu bewältigen. Es enthält auch eine Lösung für das Problem der Speicherung der Transaktionsdaten, die eine Blockchain für hohe Transaktionszahlen stark anschwellen lässt. Für die Organisation der Blockchain kommt kein Proof-of-Work Algorithmus zum Einsatz und daher ist der Energieverbrauch von Cardano gering.

Funktionalität. Das System bietet auch smart contracts, die mit einer funktionalen Programmiersprache realisiert werden. Damit ist es einfacher möglich, die Sicherheit des Codes zu prüfen. Ganz allgemein beruht das System auf einer systematischen Erforschung der kryptografischen Grundlagen. Die entsprechenden Ergebnisse werden nicht einfach in White Papers veröffentlicht, sondern auf Fachkonferenzen und in Fachzeitschriften zur Begutachtung vorgelegt. Mit dieser systematischen Erforschung der Grundlagen verfügt Cardano derzeit über ein Alleinstellungsmerkmal.

Das gesamte System besteht aus mehreren Schichten, auf denen verschiedene Funktionalität angeboten wird. Die Kryptowährung selbst ist Ada. Auf höheren Schichten befinden sich smart contracts für die Interaktion mit anderen Blockchains. Wiederum als erstes solches System ist aber auch eine Verbindung mit dem traditionellen Finanzsystem und anderen Datenträgern wie der staatlichen Verwaltung angedacht. Erste Experimente wurden im Jahr 2020 bereits gestartet.

Wichtige Eigenschaften von Kryptowährungen

  • Skalierbarkeit. Es sollten so viele Transaktionen wie nachgefragt möglich sein.
  • Qualität des Programmcodes. Dieser sollte nach Möglichkeit offengelegt werden, damit seine Sicherheit unabhängig überprüft werden kann.
  • Verteilte Kontrolle. Es sollte keine zentrale Stelle und auch keine zu kleine Gruppe von solche Stellen geben, die wesentliche Entscheidungen fällen.
  • Transaktionsgebühren. Diese müssen niedrig genug sein, um die Verwendung des Systems auch für kleine Beträge attraktiv zu machen.
  • Vertraulichkeit. Der Kunde sollte seine Daten sicher wissen können.
  • Inflation. Es darf keine willkürliche Geldentwertung geben.
  • Energieverbrauch. Dieser muss gering genug sein, um als nachhaltig gelten zu können.
  • Smart Contracts. Für Finanzmodelle der Zukunft sind diese notwendig.
  • Organisation. Diese muss effizient, transparent und nachvollziehbar sein.
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MSc. in Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt auf asymetrische Kryptographie und M2M-Kommunikation. Ich bin seit 2015 im Bereich Bitcoin und Kryptowährungen unterwegs. Außerdem interessiere ich mich für das Thema Aktien und ETFs. Meine Publikationen sind auch auf https://coincierge.de/author/martin-schwarz/ zu lesen.

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