Altersvorsorge für Selbstständige – Das große Experten-Interview

Bei vielen Selbstständigen steht das Thema Altersvorsorge nicht unbedingt an erster Stelle. Oftmals wird gar nicht oder falsch für das Alter vorgesorgt. Warum eine falsche Altersvorsorge Selbstständige in den Ruin treiben kann, klären wir mit Brigitte Ommeln im Interview. Brigitte Ommeln ist Unternehmens- und Wirtschaftsberaterin und war für die Verbraucherzentrale NRW tätig. Als Expertin für Finanzthemen publiziert sie u.a. für das institut für finanzdienstleistungen (iff).

ETF Nachrichten: Sie beschäftigen sich mit der Altersabsicherung Selbstständiger. Was ist bei diesem Thema der größte Fehler, den Selbstständige begehen können?

Ommeln: Aus meiner langjährigen Beratungstätigkeit, unter anderem auch 16 Jahre für die Verbraucherzentrale NRW, weiß ich nur zu gut, dass viele Selbständige entweder zu viel oder zu wenig für die Altersvorsorge ausgeben.

Es gibt die „Überbesorgten“, die über viele Versicherungspolicen verfügen, und – wenn sie richtig gut verdienen – den enormen Rendite-Versprechungen der Kapitalmarktprodukte aufsitzen und meist mehr Geld verlieren als gewinnen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: nicht jeder geschlossene Fonds ist per se schlecht, aber Tatsache ist doch, dass sehr viele dieser Beteiligungen mehr Geld in den Sand setzen als ausschütten. Und: viele Policen zu besitzen heißt ja nicht automatisch über viel Geld im Alter zu verfügen. Denn wenn die dynamischen Anpassungen versäumt wurden oder bei Fondspolicen seit Abschluss nicht mehr auf die Wertentwicklung des/der Fonds geschaut wurde und ggfs. getauscht (Fachausdruck: „geswitcht“) wurde, dann kann es kurz vor Ablauf ein böses Erwachen geben.

Und die anderen, die zu wenig ausgeben, können entweder nicht mehr oder haben keine wirkliche Vorstellung vom tatsächlichen Bedarf im Alter. Was meinen Sie, wie häufig ich höre: „Im Alter brauche ich doch viel weniger Geld als jetzt.“ Ein Irrtum, aus meiner Sicht.

ETF Nachrichten: Wie sollte man als Selbstständiger bestenfalls fürs Alter vorsorgen?

Ommeln: Ich bin davon überzeugt, dass es auf den richtigen Mix ankommt. Also die klassischen Vorsorgeprodukte wie Renten- oder Lebensversicherung, meinetwegen auch fondsgebunden, gerne auch eine Basis-Rente, kombinieren und erweitern um Fonds-Sparpläne, Direktanlage in Aktien, eventuell ein Mietobjekt im Portfolio, aus steuerlichen Gründen vielleicht noch eine Beteiligung (geschlossener Fonds). Denn mit dem richtigen Produkt-Mix erhalte ich auch den richtigen Mix an Ausschüttungen im Alter. Die Rentenversicherung sorgt für das lebenslange monatliche „Grundeinkommen“, die Kapitallebens-versicherung für einen kleinen Geldregen, sie dient häufig aber auch der Entschuldung der Immobilie. Aktien bringen zwischendurch immer wieder Gewinne (Dividenden), die angelegt, nach 30 Jahren oder mehr immer für guten Ertrag gesorgt haben. Die würde ich weiter halten, denn auch im Alter freut man sich über zusätzliche Geldspritzen. Genau wie die Fonds: die bieten weiterhin regelmäßige Erträge oder können peu a peu flexibel verkauft werden (Stichwort: erhöhter Kapitalbedarf im Alter: Studium der Kinder, Weltreise, etc. pp).  Das Mietobjekt sorgt später für regelmäßige monatliche Einkünfte – neben der Rentenversicherung. Und die Ausschüttungen aus der Beteiligung steuere ich am besten so, dass diese erst im Rentenalter stattfinden, steuerfrei.

ETF Nachrichten: Sind Indexfonds ein möglicher Baustein einer Altersabsicherung Selbstständiger?

Ommeln: Aber natürlich. Wer sich prinzipiell mit börsengehandelten Produkten beschäftigt, kommt um ETF´s fast nicht herum. Denn das Kaufen und Verkaufen von ETF´s ist denkbar einfach. Als Anleger muss ich nur über ein Depot verfügen, kann dann den oder die gewünschten ETF´s  auswählen und anschließend die  Anteile kaufen (oder auch verkaufen). Wer es sich einfach machen möchte, für den bietet sich ein Sparplan an: der oder die ETF`s  werden monatlich mit einer festgesetzten Summe bespart. Ist der Sparplan einmal eingerichtet, läuft alles Weitere automatisch. Das entbindet mich als Anleger aber nicht davon, ab und an zu kontrollieren, ob die einmal getätigte Auswahl der Fonds noch meinen Bedürfnissen oder Rendite-Erwartungen entspricht (Rebalancing). Insgesamt aber hält sich der Aufwand für die Altersvorsorge mit ETF`s  stark in Grenzen. Das sieht bei dem oben skizzierten Mix etwas anders aus.

Hinzu kommt, dass ETF`s sehr kostengünstig sind und kein Börsenfachwissen erfordern. Dennoch sollte man fachkundige Beratung in Anspruch nehmen, um über Chancen und Risiken informiert zu sein.

ETF Nachrichten: Die Rürup-Rente ist auch nicht für jeden Selbstständigen optimal, richtig?

Ommeln: Ich weiß, dass sehr viele Verbraucherschützer kein gutes Haar an der Rürup-Rente lassen. Aber seien wir doch mal ehrlich: gerade für Besserverdiener – insbesondere jenseits der 50 – rechnet sich solch ein Vertrag durchaus. Denn diese Gruppe profitiert von einer ansehnlichen Steuerersparnis auf die Prämien. Auch hohe Summen und Jahresbeiträge (zum Beispiel Erträge aus Beteiligungen oder aus guten Geschäftsergebnissen) können so steueroptimiert (Stichwort. Sonderausgaben) für eine ansehnliche Altersrente sorgen. Zudem wird die Rente immer ein Leben lang gezahlt, ganz gleich, welch gesegnetes Alter der Anleger auch erreichen mag.
Im Umkehrschluss heißt das – um auf Ihre Frage zu antworten – für Selbständige, die wenig verdienen und wenig oder keine Steuern zahlen, lohnen die Rürup-Rente nicht. Auch sollten Jüngere eher mit Fonds-Sparplänen oder ETF´s starten, denn je länger diese laufen, umso besser ist die zu erwartende Rendite.

ETF Nachrichten: Wann sollten Selbstständige anfangen, für das Alter vorzusorgen?

Ommeln: Sofort! Welche Frage: Ein Arbeitnehmer zahlt ja auch vom ersten Tag an seine Sozialabgaben incl. Rentenbeitrag. Es ist ein großer Fehler, mit der Altersvorsorge zu warten und das Thema immer wieder zu verschieben. Mit Start in das eigene Unternehmen starten auch die Sparverträge. Alles andere macht keinen Sinn. Im Übrigen wird auch der beste Businessplan in dem Moment unglaubwürdig, wenn der Unternehmer für sich selbst keine eigene Altersvorsorge einplant.

ETF Nachrichten: Statistisch gesehen sind besonders Selbstständige vom Thema Überschuldung betroffen. Was sind die Gründe hierfür?

Ommeln: In meinem Beitrag für das iff, Institut für Finanzdienstleistungen e.V., 10. Schlaglicht, habe ich das etwas genauer ausgeführt. Zusammengefasst kann man feststellen, dass Selbstständige in Zeiten guten Verdienstes im Hinblick auf ihre Altersvorsorge teilweise sogar überversorgt sind. Im Falle finanzieller Schwierigkeiten aber  – ausgelöst durch Probleme wie beispielsweise Krankheit, Scheidung, unternehmerische Fehlentscheidungen oder Steuernachforderungen  – kann es dazu kommen, dass sie die Versicherungen nicht mehr bedienen können. Dies führt schlimmstenfalls zur Auflösung der Absicherung, also zur Kündigung der Police, und meist mit größeren Verlusten verbunden.

Vielen Selbständigen fehlt häufig aber auch die Zeit, sich mit den komplexen Produkten der Altersversorge auseinanderzusetzen. Problematisch sind fehlendes Wissen und eine oftmals fehlende produktunabhängige Beratung. In der Folge wird häufig auf gut gemeinte Tipps gesetzt, die sich dann im Nachhinein als falsche Entscheidung herausstellen können.

Nochmal zur Klarstellung: meine Ausführungen beziehen sich vor allem auf die Selbstständigen und Freiberufler, für die es keine Rentenversicherungspflicht gibt oder sogenannte Versorgungswerke, die sozusagen das Pendant zur staatlichen Rentenkasse sind. Angehörige der freien Berufe zahlen – abhängig vom Einkommen/Gewinn – ihre Pflichtbeiträge und bauen damit über die Jahre auskömmliche Altersrenten auf. Und versicherungspflichtige Selbständige wie zum Beispiel Handwerker, Lehrer und Dozenten, müssen ja einzahlen und schaffen sich somit bereits eine Basis der zukünftigen Altersversorgung. Aber alle anderen, die völlig allein gelassen werden, haben die Qual der Wahl und tragen damit auch das ganze Risiko.


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