Value und Growth: Zeichnet sich am Aktienmarkt gerade die nächste Wende ab?

Bereits seit Längerem hatten Experten über eine Rückkehr des Value-Ansatzes diskutiert. Tatsächlich performten Value-Titel während der ersten Monate des Aufschwungs deutlich besser als Growth-Aktien. Doch nun scheint sich plötzlich ein erneuter Umschwung abzuzeichnen. Droht Value abermals, seinen Platz an der Sonne zu verlieren?

Value war in den letzten Monaten auf der Überholspur

Als sich im vergangenen Jahr bereits abzuzeichnen begann, dass die wirtschaftliche Krise bald einem neuen Aufschwung weichen würde, waren die Stimmen lauter geworden, die darin die Chance für eine Renaissance von Value-Aktien voraussahen.

Obwohl der Value-Faktor seit jeher zahlreiche Anhänger hat, konnte doch niemand bestreiten, dass im vergangenen Jahrzehnt Growth-Titel deutlich besser performt hatten als ihre Value-Gegenstücke. Befeuert worden war diese Entwicklung vor allem von den wachstumsstarken Tech-Unternehmen des Silicon Valley.

Ein neuer Aufschwung, so zahlreiche Analysten, würde jedoch dafür sorgen, dass viele der als besonders zyklisch geltenden Value-Werte nun plötzlich stärker performen. Tatsächlich schienen sich diese Prognosen auch zu erfüllen.

In den ersten Monaten dieses Jahres konnten zahlreiche Value-Titel den allgemeinen Markt outperformen. Nicht zuletzt aufgrund des zwischenzeitlich etwas kriselnden Tech-Sektors sorgte Value zwischenzeitlich sogar für höhere Renditen als viele Growth-Werte. Zahlreiche Anleger verkauften vermeintliche Wachstumstitel und holten sich Value-Positionen ins Portfolio. Es schien so, als wäre die von vielen herbeigesehnte „Great Rotation“ weg von Growth hin zu Value tatsächlich eingetreten.

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Allerdings hat die ganze Sache einen Haken. Jüngste Entwicklungen deuten nämlich darauf hin, dass der vermeintlich große Umschwung lediglich ein kleines Intermezzo gewesen ist.

Ist die „Great Rotation“ schon wieder vorüber?

In den vergangenen Wochen verzeichneten diverse ETFs mit einem Fokus auf Value-lastige Sektoren signifikante Kapitalabflüsse. So zogen Anleger im Juni gut 2,4 Milliarden Dollar aus dem Financial Select Sector SPDR Fund (XLF) ab. Auch diverse hierzulande handelbare Finanz-ETFs sind zuletzt spürbar in der Gunst der Anleger gefallen.

So beliefen sich die Kapitalabflüsse aus dem iShares EURO STOXX Banks 30-15 UCITS ETF (ISIN: DE0006289309) in den vergangenen beiden Wochen auf 355 Millionen Euro. Beim Xtrackers MSCI USA Financials UCITS ETF (ISIN: IE00BCHWNT26) steht über den gleichen Zeitraum ein Kapitalabfluss von 454 Millionen Euro zu Buche.

Beide ETFs hatten seit den ersten Nachrichten über die Entwicklung eines Vakzins gegen Covid-19 stark im Kurs zugelegt. Im Juni trat der Xtrackers MSCI USA Financials UCITS ETF nun jedoch weitgehend auf der Stelle, während der iShares EURO STOXX Banks 30-15 UCITS ETF gar einen Verlust einfahren musste.

Mit dieser Entwicklung stehen die Finanz-ETFs keineswegs alleine dar. Auch andere Value-Branchen sind mittlerweile bereits wieder spürbar weniger gefragt als noch vor wenigen Monaten.

Growth übertrumpft abermals Value

In den ersten Monaten des Jahres hatte der SPDR MSCI USA Value UCITS ETF (ISIN: IE00BSPLC520) deutlich besser performt als der Markt als Ganzes. Zwischen Anfang Januar und Anfang Juni lag sein Plus bei 24,37 Prozent. MSCI World ETFs kamen über den gleichen Zeitraum gerade einmal auf die Hälfte. Auch die beliebten iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF (ISIN: IE00BP3QZB59) und iShares Edge MSCI Europe Value Factor UCITS ETF (ISIN: IE00BQN1K901) performten über die ersten fünf Monate 2021 hinweg deutlich besser als der Marktdurchschnitt.

Spätestens seit Juni ist jedoch ein deutlicher Knick zu beobachten. So kam der SPDR MSCI USA Value UCITS ETF im letzten Monat nur noch auf ein Plus von 1,76 Prozent. Die beiden iShares ETFs schnitten mit 0,58 Prozent (World) und -0,45 Prozent (Europe) noch schlechter ab. Beim MSCI World steht demgegenüber ein Kurszuwachs um rund 5,2 Prozent zu Buche.

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Zahlreiche Value-Titel sind in den letzten Monaten an eine Grenze geraten, über welche es für sie vorerst nicht höher hinauszugehen scheint. Im Gegensatz dazu scheinen sich Anleger nun jedoch wieder in Richtung Growth-Titel umzuorientieren.

Deutlich erkennbar ist dies anhand der Kursentwicklung des US-amerikanischen Technologie-Indizes Nasdaq 100. Nachdem dieser zuerst zwischen Februar und April und dann noch einmal zwischen April und Mai zwischenzeitlich eingebrochen war, steigen die Kurse der Technologie-Aktien mittlerweile wieder rasant an. Im letzten Monat konnte der Nasdaq 100 um gut 7,7 Prozent zulegen.

Auch diesseits des Atlantiks sind Wachstumstitel wieder stark im Kommen. So performte der Deka STOXX Europe Strong Growth 20 UCITS ETF (ISIN: DE000ETFL037), welcher die Wertentwicklung der 20 reinsten Growth Unternehmens Europas abbildet, in den letzten 30 Tagen mit 7,82 Prozent. Zuvor lag er mit seiner Performance noch deutlich hinter dem MSCI World zurück.

„Komprimierte“ Erholung begünstig schnelle Widerkehr von Growth-Titeln

Doch was ist der Grund für eine dermaßen schnelle Abkehr von Value-Aktien wie Industriewerten, Finanzen oder Rohstoffen? Alec Young, Chief Investment Officer bei Tactical Alpha, sieht die Schuld an dieser Entwicklung in der stark komprimierten Entwicklung seit dem Corona-Crash in 2020, wie er gegenüber CNBC äußerte.

Damals war die Weltwirtschaft aufgrund der Pandemie in Rekordgeschwindigkeit zum Erliegen gekommen. Die anschließende Rezession war zwar vergleichsweise heftig, jedoch war sie auch nur von relativ kurzer Dauer. Die üblichen Marktprozesse, welche erst einen Abschwung und anschließend eine Rezession herbeiführen, wurden aufgrund des alles überlagernden Pandemie-Faktors weitgehend übergangen.

Als man schließlich Erfolg bei der Entwicklung von Vakzinen hatte, begann die Wirtschaft wiederum, sich in Rekordgeschwindigkeit zu erholen. Wie eine Sprungfeder, die stark zusammengepresst wird, schossen die Märkte abermals in neue Rekordhöhen.

Zusätzlich bestärkt wird diese Sichtweise durch die jüngste Aussage der US-Notenbank mit Blick auf die gestiegene Inflation. Demnach betrachtet die Fed die zuletzt auffallend hohe Inflationsrate lediglich als eine vorübergehende Erscheinung. Ein starkes Wirtschaftswachstum geht allgemein hin mit einer steigenden Inflationsrate einher.

Langsameres Wachstum im zweiten Halbjahr

Gleichzeitig gehen Analysten derzeit davon aus, dass der vorläufige Höhepunkt des wirtschaftlichen Wachstums bereits im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres erreicht werden wird. Bei einer langsameren Wachstumsrate in der zweiten Jahreshälfte würden jedoch viele der zyklischen Value-Unternehmen nicht mehr länger übermäßig profitieren. Defensivere Werte wie Gesundheit/Pharma sowie die Wachstums-Dauerbrenner aus dem Technologiesektor erscheinen in einem solchen moderateren Marktumfeld plötzlich wieder vielversprechender.

Laut Goldman-Sachs-Analysten David Kostin und Ben Snider kommt erschwerend hinzu, dass viele Marktteilnehmer in den vergangenen Monaten übermäßig stark in Value-Werte eingestiegen waren. Dies geschah offensichtlich in Erwartung einer starken und anhaltenden Erholungsphase mit steigender Inflation.

Viele von ihnen dürften vom Tempo, mit welchem sich das Wachstum nun wieder normalisiert, überrascht worden sein und reagieren nun mit einem entsprechend starken Gegensteuern, was zu stärkeren Kursverlusten bei Value-Aktien und den entsprechenden Abflüssen aus ETFs führt.

„Geschichte, Bewertungen, Positionierung und ökonomische Verlangsamung deuten darauf hin, dass der Großteil der Rotation [von Growth zu Value] hinter uns liegt“, so Snider und Kostin.

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Florian Schulze hat einen Abschluss in internationaler Politik und Wirtschaftspolitik und studiert derzeit Mathematik. ETFs, Aktien und Kryptowährungen sind seine Leidenschaft.

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