Machen Emerging Markets ETFs in 2020 noch Sinn?

Im Vergleich zu den großen Industrienationen haben viele Schwellenländer hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung noch teils erheblichen Aufholbedarf. Dies birgt jedoch das Potenzial für dynamisches Wachstum. Aus dem Grund galten die sogenannten Emerging Markets lange Zeit als profitable Anlagemöglichkeit. Doch lässt sich diese Behauptung mit Blick auf die jüngere Entwicklung noch aufrechterhalten? Eine genauere Betrachtung hilft weiter.
Welche Länder zählen zu den Emerging Markets?

Traditionell werden unter dem Begriff Schwellenländer (oder Emerging Markets) jene Staaten verstanden, die sich in einem fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung befinden. Grundlage für diese Bewertung sind diverse Entwicklungsindikatoren. Zumeist werden Schwellenländer durch eine rapide voranschreitende Urbanisierung, einen steigenden Bildungsgrad sowie einen wachsenden Industriesektor gekennzeichnet. Gleichfalls ist seit einiger Zeit in vereinzelten Fällen auch ein stärkerer Fokus auf den Dienstleistungssektor beobachtbar.

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Wer mittels eines ETFs von der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder profitieren möchte, sollte jedoch beachten, dass die obige Definition nicht zwangsläufig mit dem Emerging Markets Konzept der verschiedenen Index-Anbieter übereinstimmt. Jeder Anbieter hat seine eigenen Kriterien, anhand derer er beurteilt, welches Land für ihn als Schwellenland zählt und welches nicht.

Bestes Beispiels hierfür ist Südkorea. Obwohl es sich bei dem Land nach traditioneller Auffassung um eine Industrienation handelt, wird es beim Indexanbieter MSCI weiterhin innerhalb des Emerging Market Index geführt. FTSE Russel und S&P führen das Land mittlerweile in ihren Indizes hingegen als Industrienation. Die unterschiedliche Definition rührt daher, dass die Indexanbieter neben den wirtschaftlichen Kennzahlen auch einen starken Fokus auf die Größe des nationalen Aktienmarktes oder den Streubesitzanteil an der Marktkapitalisierung legen.

Emerging Markets im Vergleich zu Industrienationen

Mit durchschnittlichen Wachstumsraten von 4 % im Jahr wachsen Schwellenländer relativ betrachtet doppelt so schnell wie Industrienationen. Grund hierfür ist die geringe Wirtschaftsleistung dieser Länder. Zudem gibt es in Bereichen wie Infrastruktur, dem Ausbau des Industrie- und Dienstleistungssektors sowie beim durchschnittlichen Einkommen teils noch erheblichen Nachholbedarf im Vergleich zu entwickelten Ländern. Abhängig von der verwendeten Definition für Schwellenland kann es jedoch auch hier zu erheblichen Unterschieden kommen.
Aufgrund ihres weiterhin großen Aufholbedarfs werden die Emerging Markets, wie es der Name bereits vermuten lässt, als aufstrebende Wachstumsmärkte angesehen. Ihr Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung hat sich in den letzten 40 Jahren beinahe verdoppelt. Laut Prognosen wird sich dieser Trend auch in den kommenden Jahren fortsetzen. So gehen Experten davon aus, dass der Anteil der Schwellenländer am weltweiten BIP bis 2024 auf ca. 43,7 % klettern wird.

Welche Emerging Markets Indizes gibt es?

Es existieren eine Reihe von Indizes, welche Unternehmen aus den Emerging Markets abbilden. Aufgrund der wechselnden Definition von dem, was ein Schwellenland ist, sowie grundsätzlichen Unterschieden im Aufbau der Indizes, schwankt die Zahl der abgebildeten Positionen teils erheblich. Die bekanntesten Emerging Markets Indizes sind:

  • MSCI Emerging Markets: 1200 Unternehmen (Large- und Mid-Caps) aus 26 Schwellenländern
  • MSCI Emerging Markets IMI (Investable Markets): Rund 3000 Unternehmen aus 26 Schwellenländern
  • MSCI EM Small Caps: 1600 Unternehmen aus 26 Schwellenländern
  • Dow Jones EM Select Dividend: 100 Unternehmen aus 17 Ländern mit einem Schwerpunkt auf Dividendenrenditen
  • FTSE Emerging Index: 900 Unternehmen (Large- und Mid-Caps) aus 24 Schwellenländern
  • FTSE BRIC 50: Die 50 größten Unternehmen aus den BRIC-Staaten

Die Entwicklung am Aktienmarkt hinkt hinterher

Vergleicht man die Entwicklung der Emerging Markets Indizes mit dem MSCI World oder dem FTSE ALL-World, fällt schnell auf, dass sich die stärkere wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer nicht wirklich in der Kursentwicklung niederschlagen konnte. In den vergangenen fünf Jahren verbuchte der MSCI World ein Plus von 15,3 %. Weitet man die Betrachtung auf zehn Jahre aus, beträgt das Wachstum gar über 70 %. Insgesamt etwas schwächer sieht hingegen die Performance des FTSE All-World aus. Dieser performte in den letzten zehn Jahren insgesamt mit gut 59 %. Der Grund für diese unterschiedliche Kursentwicklung wird durch einen Blick auf den MSCI EM deutlich.

In den vergangenen zehn Jahren verlor dieser ca. 9 % an Wert. Selbst wenn man die Verluste des vergangenen Crashs herausrechnet, zeichnet sich für Anleger dennoch das Bild eines verlorenen Jahrzehnts. An seinem höchsten Stand in diesem Jahr, unmittelbar bevor es zum weltweiten Kurssturz kam, erreichte der MSCI EM weder seinen Höchststand vom Februar 2018 noch seinen Bestwert des Jahres 2011. Hingegen markiert die derzeitige Talfahrt keineswegs den tiefsten Stand des Index in der jüngeren Geschichte. Dieser wurde im Januar 2016 erreicht. Die vergangene Dekade war für den Index von einem stetigen Auf und Ab gekennzeichnet.

Diese Entwicklung ist überdies keineswegs nur auf den MSCI EM beschränkt. Betrachtet man beispielsweise den FTSE BRIC 50, ergibt sich, trotz einer deutlich geringeren Zahl enthaltener Unternehmen, eine nahezu identische Kursentwicklung. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Performance der Wertpapiere der Emerging Markets im vergangenen Jahrzehnt für langfristige Anleger hochgradig enttäuschend gewesen. Es stellt sich daher die Frage, was die Gründe hierfür sind.

Wachstum ist ungleich Marktkapitalisierung

Obwohl einige Schwellenländer wie beispielsweise Russland oder manche Länder Lateinamerikas in der Vergangenheit mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten, konnten andere Teile der Emerging Markets weiterhin erhebliche Wachstumsraten verbuchen. Vor allem die chinesische Wirtschaft konnte in den vergangenen Jahren unbeirrt weiterwachsen. Aufgrund von Beschränkungen war es jedoch für ausländische Investoren über lange Zeit hinweg schwer, in den chinesischen Markt zu investieren.
Dieses Problem besteht zudem keineswegs nur für die Aktien chinesischer Unternehmen. Betrachtet man beispielsweise den Gesamtwert aller indischen Aktien, können gerade einmal 45 % von Anlegern gehandelt werden. In den USA beträgt dieser Wert hingegen 96 %.

Ferner bevorzugten vor allem asiatische Unternehmen in der Vergangenheit zumeist selbst dann Eigenkapital, wenn es aus finanzieller Sicht sinnvoller gewesen wäre, auf Fremdkapital zu setzen. Gepaart mit den vergleichsweise geringen Gewinnausschüttungen erwies sich der asiatisch-pazifische Raum eher als wenig renditeträchtig. Dies hatte trotz teils guter wirtschaftlicher Zahlen negativen Einfluss auf die Nachfrage seitens Investoren.

Hohe Volatilität und Kapitalabflüsse

Ein weiteres Problem betrifft die traditionell hohe Volatilität in den Schwellenländern. Die positive Seite hiervon äußerte sich lange Zeit über in hohen Wachstumszahlen. Gleichfalls waren die Kurse der Emerging Markets von Krisen ebenfalls deutlich stärker betroffen als die Kurse von Unternehmen aus den Industrieländern. Unmittelbar nach einem Crash oder während einer Rezession brechen die Kurse der EM ETFs regelmäßig stark ein. Dies wirkt vor allem auf viele private Anleger enorm abschreckend.

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Aber auch viele institutionelle Anleger neigen dazu, sich in einer Krise schnell aus Schwellenländern zurückzuziehen. Die jüngsten Entwicklungen im Zuge der Corona-Pandemie verdeutlichen dies sehr eindrücklich. In den vergangenen Monaten verzeichnete zahlreiche Schwellenländer Abflüsse ausländischen Kapitals in noch nie gekanntem Ausmaß. Allein im ersten Quartal flossen nach Berechnungen des Institut of International Finance (IIF) insgesamt 62,5 Milliarden Dollar aus Anlagen der Emerging Markets ab. Dieser Wert ist doppelt so hoch wie während des Höhepunkts der Finanzkrise 2008.

Kurz- und mittelfristig droht eine Schwellenland-Krise

Tatsächlich sind die derzeitigen Abflüsse dermaßen gravierend, dass beispielsweise der frühere EZB-Vizepräsident Vitor Constancio bereits vor einer schwerwiegenden Krise in den Schwellenländern gewarnt hat. Erschwerend kommt hinzu, dass die zahlreichen Einschränkungen aufgrund der Pandemie sich unverhältnismäßig stark auf viele Entwicklungs- und Schwellenländer auswirken. Der teilweise Zusammenbruch der weltweiten Lieferketten und weitgehende Produktionsstopps haben dazu geführt, dass die Rohstoffpreise massiv eingebrochen sind. Zudem haben die Reisebeschränkungen dazu geführt, dass in den meisten Ländern die Einnahmen aus dem Tourismus weggebrochen sind.

Chancen auf Besserung?

Laut Expertenmeinung besteht zumindest im letzten Quartal die Möglichkeit für eine Normalisierung der wirtschaftlichen Lage. Als positiv wird vor allem die Lockerung der Geldpolitik sowohl in den USA wie auch in China gewertet. Dies würde auch die Liquiditätsbedingungen in zahlreichen Schwellenländern wieder lockern. Dieser Rückenwind könnte auch den Emerging Markets Aktien und somit den entsprechenden ETFs zugute kommen.
Vor allem die weitere Entwicklung in China hat das Potenzial, erhebliche positive Effekte auf die Emerging Markets Indizes von MSCI und FTSE zu haben. Seit Kurzem sind die Aktien zahlreicher wachstumsstarker, chinesischer Unternehmen, welche bisher nur von einheimischen Investoren gehandelt werden konnten, in die Indizes der beiden großen Anbieter aufgenommen worden. Falls es der chinesischen Regierung gelingt, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie einzudämmen, könnten eben jene Wertpapiere für Anleger erheblich an Attraktivität gewinnen.

Ferner konnten Emerging Markets ETFs nach größeren Einbrüchen bereits in der Vergangenheit innerhalb kurzer Zeit wieder erheblich an Wert zulegen. Zwar besteht durchaus die Gefahr, dass eine schwerere Krise in einigen Schwellenländern aufgrund der derzeitigen Kapitalabflüsse den nächsten Aufwärtstrend verzögert. Es ist derzeit jedoch unwahrscheinlich, dass eine solche positive Entwicklung nicht früher oder später dennoch eintreten wird.

Unter Berücksichtigung der genannten Aspekte kann sich eine Investition in Emerging Markets ETFs in nächster Zeit durchaus lohnen. Es besteht sowohl kurzfristig wie auch, mit einigen Einschränkungen, langfristig Potenzial für einen Wertzuwachs. Eine momentane Investition ist jedoch gleichfalls mit einem erheblichen Risiko verbunden. Anleger sollten dies bei einer Entscheidung unbedingt mit einkalkulieren.

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1 KOMMENTAR

  1. Emerging Markets sind nach der langjährigen Durststrecke aus Sicht der fundamentalen Bewertungen recht attraktiv, sodass die erwarteten Renditen entsprechend hoch liegen.

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